Eindrücke aus dem Flüchtlingslager in Presevo

 

Der aufkommende Frühling, das zarte Grün in denScreenshot 2016-05-06 09.59.10
Feldern, die blühenden Bäume und das flockige
Wolkenspiel umhüllt das Flüchtlingscamp in
Presevo mit einem seltsamen Frieden. Menschen
schlendern übers Gelände, immer wieder Hand in
Hand, Kinder springen vergnügt über den Platz,
Männer sitzen im Gespräch oder im Kartenspiel
beieinander, Frauen trinken Tee, das Camp und die
sanitären Anlagen sauber und gepflegt. An
verschiedenen Ständen wird Tee, Süssigkeiten und
Spielsachen ausgegeben. Hier begegnen sich
Menschen, die ein ähnliches Schicksal teilen und
sich mit Respekt und Verständnis leben lassen. Es entstehen Freundschaften – es ist etwas Gemeinschaftliches zu erleben. Dies sowohl unter den Flüchtlingen, als auch unter den Helfern unterschiedlicher Herkunft. Dieser erste Eindruck eines seltsamen Friedens wirkt stark auf mich, ich erlebe eine tiefe Menschlichkeit gepaart mit dem existentiellen Lebenskampf dieser ihrer Heimat beraubten Menschen.

Dieser erste und auch bleibende Eindruck wird von einer weiteren Realität verdunkelt, nämlich von dieser, dass jeder der Flüchtlinge – trotz der angenehmen Bedingungen im Lager – von einer Unruhe und der ungewissen Zukunft gequält wird. Alle möchten diesen Ort baldmöglichst verlassen und irgendwo ankommen, um sich ein neues Leben aufzubauen. Jeder hier lebt mit der Frage, ob er hier ausharren oder illegal aus dem Camp fliehen soll. Es lebt also eine merkwürdige Ambivalenz von Gelassenheit und Zerissenheit – Friede und Unruhe am Ort.

Screenshot 2016-05-06 10.00.29Seit der Schliessung der Grenzen sind hier an der serbisch – mazedonischen Grenze rund 600 Menschen (ca. 250 Syrer, 200 Afghanen, 100 Iraker und 50 Iraner) – die meisten schon 2 Monate – am warten. Sie sind Ihrer Autonomie beraubt, sie dürfen das Camp nur in Begleitung verlassen, müssen ihr Essen täglich entgegennehmen, anstatt selbst kochen zu können, Reinigungsarbeiten o. Ä. wird von den Einheimischen und Freiwilligen verrichtet, obwohl viele der Menschen hier gerne mitarbeiten würden – so scheint es jedenfalls. Die Flüchtlinge verbringen den Tag mit Ball- und Kartenspielen, oft mit übermässigem Essen, in Gesprächen, meist am Handy. Das Flüchtlingslager ist im Vergleich zu Idomeni oder anderen Lagern ein Fünfsternecamp mit Betten und sauberen Duschen, reichlich Essen und diversen Programmen für Kinder.
Zu meinen Aufgabebereichen hier im Camp gehört auch das Austeilen der Mahlzeiten, was für mich eine tief bewegende Erfahrung wird. Hier schöpft man Hunderten heimatlos gewordenen Menschen das Essen, alle tragen sie ihr Schicksal, sind im höheren Masse wie wir der Welt ausgeliefert und reichen einem ihre Hände entgegen. Ich bin durch diese Tatsache ergriffen und fühle mich dazu bewogen, diese Handlung mit Achtsamkeit und Hingabe für meinen Mitmenschen zu tun. Dieses stets Annehmen-Können von

Screenshot 2016-05-06 10.02.56

Hilfsgütern anderer, schafft eine seltsame Abhängigkeit und ist für viele eine Herausforderung. Für die Einheimischen Presevos ist das Flüchtlingslager geradezu eine Geldinfusion – so benennen es die Einheimischen. Während ein Anwalt hier 300 Euro monatlich verdient, kann eine Hilfskraft im Lager nun dasselbe verdienen. Schlepperbanden und Taxifahrer haben hier seit der Flüchtlingswelle Unmengen verdient. Alle möchten sie die Flüchtlinge hier behalten, um ihre Jobs nicht zu verlieren und versuchen ihr Bestes, um ihnen es so angenehm wie möglich zu machen.

Ich frage mich wie es 600 Menschen aus der Schweiz hier so miteinander hätten, wenn sie schon so lange auf engem Raum und ohne sichere Zukunftsperspektive ausharren müssten?

Die Menschen freuen sich, wenn man sie anspricht, mit ihnen redet und sie ihr

Erlebtes berichten können. Vieles was die Lage der Flüchtlinge, ihr
Weiterkommen und die Ursachen des Krieges in Syrien betrifft ist hoch
komplex und ist nur stellenweise zu ergründen. Nur durch viele Gespräche,
wird mir manches klarer, wird manche Vermutung bestärkt. Ich bekomme das
Screenshot 2016-05-06 10.04.19Gefühl, dass durch dieses dramatische Schicksal dieser Flüchtlinge endlich etwas von der Wahrheit was die Weltpolitik betrifft, ans Licht gebracht wird. Ausnahmslos all meine GesprächspartnerInnen vertreten, die aus eignen Erlebnissen gewachsene Meinung , dass die Kriege im nahen Osten durch die USA ausgelöst und unterstützt wird. Keiner ist pro Assad oder pro Isis – alle sehen sie Amerika, der hinter der ganzen Zerstörung steht und die Mächte innerhalb des Landes finanziert und gegeneinander aufhetzt. Die meisten sagen, dass der „IS“ oder die „Daeesh“ zu 100% eine CIA Operation ist und nicht mit dem Isalm in Verbindung gebracht werden darf. Mit einigen reduziert sich die Kommunikation mit entsprechenden Gestikulierungen wegen mangelnden Sprachkennnissen auf: „Assad boom. Amerika boom, boom, boom!“ Durch erschreckende Schlagzeilen und schockierende Videos wird der ISIS als Werkzeug benutzt, um Krieg im Nahen Osten zu rechtfertigen, sowie Angst und weltweite Panik zu verbreiten. Der IS wurde von denselben Kräften geschaffen, die ihn bekämpfen, so der allgeimene Tenor im Lager, wobei erst auf Fragen hin darüber gesprochen wird. Eine mindere Rolle spielt das Interesse Russlands und das eigene Machtbestreben Assads. Grundsätzlich ist es ein Krieg zwischen West und Ost, während die Mitte zerstört wird. Insbesondere unter den Syrern sind viele wohlhabende und gebildete Menschen, die so lang wie möglich in ihrem Land zu bleiben versuchten. Sie sagen, wenn Amerika das Öl will, sollen sie es doch nehmen und wieder gehen, nicht aber ihr Land und ihre Kultur zerstören. Insbesondere die Syrer bekunden, dass sie nach dem Krieg wieder in ihre Heimat zurückgehen und diese wieder aufbauen möchten. Es sind hier Menschen auf der Flucht deren Leben direkt bedroht war – kaum einer der Flüchtlinge verliess sein Land aus wirtschaftlichen Gründen.

Es wird mir ein Bedürfnis, das Warten der Menschen für Augenblicke zu unterbrechen, Ihren traumatischen Erfahrungen etwas Positives entgegen zu stellen. Kurz nachScreenshot 2016-05-06 10.05.13 meiner Ankunft lerne ich Nizar kennen, ein syrischer Filmemacher, der hier im Lager eine zentrale Rolle unter den Flüchtlingen zu haben scheint. Während unserem Austausch kommen immer wieder Menschen zu ihm, fragen um Rat, erzählen ihre Sorgen oder grüssen ihn herzlich. So kommt auch Abdulla, ein 13-jähriger Junge herbei. Er hat die Flucht aus Syrien alleine in Angriff genommen, da seine Eltern bei einem Bombenangriff ums Leben kamen. Er soll in Nizars Film eine Hauptrolle spielen. Nizar hört sich die Probleme der Menschen an, versucht zu schlichten, zu vermitteln. Er sagt: „Ich bin für die Menschen da. Mein Film, den ich hier auf der Flucht aus Syrien drehe ist sekundär – ich komme kaum dazu.“ Ich sehe auch, wie er versucht gutes Vorbild zu sein. Immer wieder bückt er sich und sammelt Abfall auf. Schon beim Kennenlernen fordert er mich dazu auf, mit ihm etwas mit den Menschen hier zu gestalten. „Die Menschen brauchen Kunst, um hier nicht auszutrocken“, sagt er. Ich erzähle ihm von meinem Vorhaben, die Füsse der Flüchtlinge zu waschen, sie mit Farben zu bemalen, und diese auf ein grosses Leintuc

kreisförmig aufzudrucken. Es soll ein Füssewirbel entstehen, als Zeichen der Gemeinschaft und des gemeinsamen Voranschreitens. Er ist einverstanden und so beginnen wir an demselben Tag, das Vorhaben zu konkretisieren.

Screenshot 2016-05-06 10.07.27Zwei Tage später ist es soweit. Wir waschen mit Hilfe des Remarteams vielen Flüchtlingskindern, jungen Männern und Frauen die Füsse. Das Auftragen der Farbe mit dem Pinsel bringt die Kinder zum lachen. Es entsteht eine farbige Fussspirale, die sich von den kleinen Kindern hin zu grossen Männerfüssen entwickelt. Es herrscht eine freudige, gleichzeitig aber auch ernste und achtsame Stimmung. Wir machen diese Fusswaschung auch noch am Folgetag und
immer wie mehr Menschen kommen hinzu, um der Aktion beizuwohnen. Dabei entstehen bewegende Momente.

So beispielsweise, als ein junger Mann, das 2 Monate alte Kind seines Freundes bringt und mit dessen Mutter voller stolz und Liebe, uns die kleinen Füsschen zum
waschen und bemalen hinreicht. Dieses kleinste Kinderfüsschen soll das Zentrum der Spirale bilden. Ein Musiker setzt sich mit einer arabischen Laute hinzu und spielt klassisch-arabische Musik – schweigend werden die Füsse Schritt um Schritt gedruckt. Am Abend ist es soweit – gross schreiben wir unter die Füsse: „Lets move forward.“
Wir hängen das Tuch zwischen zwei Bäumen in den Wind. Die Flüchtlinge fotografieren sich vor ihren Stapfen, senden das Bild ihren Freunden, teilen es auf Facebook – es geht um die Welt. Als ich nach ein paar Stunden zum Banner zurückkomme, sitzen dort bestimmt an die 100 Menschen beieinander. Alle haben sie sich den Mund mit einem Klebeband verklebt. Dies als Zeichen für ihr langes Festsitzen hier, ohne dass sie gehört werden bzw. ihr Weiterkommen ermöglicht wird. Sie haben ihre Stimme verloren. Einige schlafen hier und beginnen einen Hungerstreik. Andere haben bereit vorangegangene Nacht ihre Flucht aus dem Lager ergriffen, um auf illegalen Wegen ihrem Ziel näher zu kommen.

Barbara Schnetzler, April 20

Screenshot 2016-05-06 10.12.07