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Bilder oben: Verwüstung durch Taliban. Quelle: Ezat Urars private Fotos.

Gegen Ende meines Einsatzes in Presevo, habe ich mich mit vier jungen Männern aus Afghanistan unterhalten und sie zu ihrer Flucht befragt. Sie waren offen und bereit, mir Auskunft über ihre Motive zur Migration und die beschwerliche Reise nach Europa zu geben. Der Grund, wieso ich auf afghanische Flüchtlinge zugegangen bin, liegt in meiner Unwissenheit hinsichtlich der Situation in Afghanistan.

Am Tisch sitzen Etrees Mohammad (18), Mohammad Salim (23), Mohammad Asis (16) und Ezat Urar (18). Sie stammen alle aus verschiedenen Regionen Afghanistans und haben die Flucht vor der Rekrutierung der Taliban ergriffen. Sie beginnen mir zu erklären, dass die gefährdetste Gruppe junge Männer sind. Diese würden von den Taliban angeworben und falls sie dieser Aufforderung nicht nachkamen, werde ihr Dorf zerstört. Sofort zeigt mir einer von den Vieren Fotos auf seinem Handy, auf dem Bilder von abgebrannten Häusern, toten Kindern und aufgebrachten Menschen zu sehen sind. Er klärt mich auf, dass die Taliban vor zehn Tagen sein Dorf angegriffen hätten. Viele der Afghanen im Camp berichteten mir bereits von Verwandten und Bekannten, dessen Tod die Taliban zu verantworten hatten. Ich wundere mich über diese Brutalität und frage sie, wie denn die politische Situation aussieht und wie es war, als die amerikanischen Soldaten in Afghanistan stationiert waren. Mohammad Salim, der in Afghanistan Wirtschaft studierte, spricht am besten Englisch und klärt mich sodann auf. Es wüten drei Taliban- Gruppen, von denen auch Männer in der Regierung vertreten sind. Es herrsche ein politischer Krieg, der nicht sichtbar sei, wie jener in Syrien. Denn die Gruppierungen werden im Hintergrund je durch den Iran, Pakistan und die USA finanziert.

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Bild oben: Erste Etappe auf dem Weg nach Pakistan. Quelle: Etrees Mohammads private Fotos.

Sie beginnen, mir die Flucht zu beschreiben. Sie erzählen sehr detailliert. Die erste Etappe bildet den Weg, teils in einem überfüllten Auto, teils Fussmarsch an die Grenze von Pakistan. Dieser dauert zwölf Stunden.

Sie benötigen weitere elf Tage, um an die iranisch-türkische Grenze zu gelangen. An dieser Stelle werden sie mit vielen Hindernissen konfrontiert. Sie werden von den Grenzpolizisten verhaftet und ausgenommen. Einigen Flüchtlingen dieser Gruppe gelingt das Entkommen, für andere endet die Flucht an dieser Grenze. Ich unterhalte mich jetzt noch mit Mohammad Salim und er erzählt von seiner Flucht.

Bild links: Erste Etappe auf dem Weg nach Pakistan. Quelle: Etrees Mohammads private Fotos

Bild oben: Erste Etappe auf dem Weg nach Pakistan. Quelle: Etrees Mohammads private Fotos

In der Türkei ist Zahltag für die in Anspruch genommenen Schlepper. 2000 Euro. Nächste Etappe: Über Istanbul nach Izmir und dann übers Meer nach Lesbos. Im berüchtigten Schlauchboot, zum Preis von 1000 Euro. Es befinden sich 60 Leute im Boot und die Fahrt dauert zwei Stunden (im Gegensatz zu den angekündigten 30 Minuten). Das Boot ist nicht für diese Anzahl Leute gemacht, er sagt mir, dass die Schlepper bewusst Menschenleben in Kauf nehmen, um mehr Geld zu verdienen.

In Lesbos angekommen, habe er sich gefühlt als würde er wieder aufwachen («now i wake up»). Er berichtet von seiner Erleichterung und der Freude, die er spürte, als ihn NGOs und der UNHCR empfingen. Für weitere 80 Euros geht es über Athen, weiter nach Mazedonien. Da springt er auf einen Zug und gelangt dadurch am 9. März 2016 nach Presevo (Serbien) ins Camp, in dem er nun mehr als einen Monat festsitzt (12. April 2016).

 

 

Ich frage Mohammad Salim, wie es ihm geht. Die Situation mache ihn sehr traurig. Wider mein Erwarten, zeigt sich keinerlei Wut in seinem Ausdruck. Was ich in seinem Ausdruck erkenne ist eine Leere oder vielleicht sogar eine aufkommende Hoffnungslosigkeit.

 

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Etrees Mohammad (18) und Mohammad Salim (23)

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Mohammad Asis (16) und Ezat Urar (18)

 

 

Nebst den Berichten der aufgeführten Afghanen in diesem Text, haben mir noch weitere Menschen über ihre Situation erzählt und mich an ihren Schicksalen teilhaben lassen. Sie haben mich alle sehr beeindruckt und berührt. Ich appelliere an alle Europäer*innen, die Begegnung mit den Ankommenden zu suchen, um die Flüchtlinge als Menschen kennenzulernen.

Dieser Text enthält nicht alle Details des Gespräches, stützt sich aber wahrheitsgetreu auf die Aussagen der genannten Personen. Die Gesprächspartner haben ihr Einverständnis zur Veröffentlichung ihrer Bilder in diesem Rahmen gegeben. Die Autorin dankt ganz herzlich dem gesamten Remar-Team: Ganz, ganz tolle Arbeit.

Anna-Marina Egger