Family-Camp Kara Tepe:

Es war eine prägende Zeit in den Camps Kara Tepe und Moria, die wir im Oktober 2016 erleben durften. Die Menschen dort sind teilweise verzweifelt, viele auch hoffnungslos. Einige haben ihre Angehörigen auf der Flucht verloren. Sie warten. Und sie haben nichts zu tun. Aber sie leben in stabilen, regenfesten Hauszelten, einige haben sogar ein kleines Gärtchen mit Gemüse angepflanzt. Und die Wege zwischen den Zelten sind mit Kies bedeckt, damit möglichst keine schlammigen Bäche entstehen, wenn der Regen fällt. Das Lager ist gut organisiert und friedlich. Und die Flüchtlinge  freuen sich auf jeden Kontakt, wenn wir das frisch zubereitete, warme Essen verteilen. Sehr oft werden wir mit den Worten: „Hello my friend, you have Food  for me?“ begrüsst.

Die meisten Flüchtlinge im Camp Kara Tepe freuen sich, wenn wir mit dem Lastwagen und unseren Kisten ankommen. Die Kinder umarmen uns und möchten bei der Verteilung mithelfen. Sie sprudeln über vor Begeisterung und erzählen uns in ihrer Sprache ganz viel, wovon wir das Meiste nicht verstehen.  Aber wir nicken, lächeln, streichen ihnen übers Haar und lassen uns umarmen oder gar zu einem Tänzchen verführen. Und die Eltern schauen zu und lächeln manchmal, trotz ihres schweren Schicksals.

Wir sehen auch alte Menschen mit amputierten Beinen, die von grösseren Kindern in klapprigen Rollstühlen geschoben werden, nur um uns zuzuwinken und das Essen entgegenzunehmen.

Manchmal bricht es einem fast das Herz, in diese traurigen Augen zu blicken, die ihre Heimatlosigkeit widerspiegeln.

Wir würden so gerne viel mehr für sie tun! REMAR  SOS  kocht täglich um die 2000 Mahlzeiten, die dann ins Family-Camp Kara Tepe gebracht werden. Es ist eine sehr wichtige Arbeit, die REMAR SOS leistet. Das Rüsten und Kochen der Mahlzeiten ist zeitintensiv, sehr anstrengend und oft auch eintönig. Aber wir haben es sehr gern getan, weil wir ja jeden Tag  von Neuem erkannten: Es ist dringend nötig, dass diese Menschen mit Nahrung versorgt werden!  Die Flüchtlinge schätzen es sehr und begegnen uns mit Dankbarkeit und Herzlichkeit.

Camp Moria:

Im Camp Moria ist die Stimmung unter den Flüchtlingen angespannter, verzweifelter. Viele Flüchtlinge leben hier in kleinen Wurfzelten, ohne Schlafsack, nur mit den Kleidern, die sie auf dem Leib tragen, und frieren in der Nacht. Auch sie haben nichts zu tun. Auch sie warten. Und hoffen auf eine bessere, friedlichere Zukunft in Europa.

Am frühen Morgen schon stellen sie sich in eine lange Warteschlange vor dem Zelt mit der Mahlzeitenausgabe und hoffen, ein warmes Essen oder ein zusätzliches Fladenbrot ergattern zu können. Der Ton der Flüchtlinge ist oft rauh, manchmal auch agressiv. Was nachvollziehbar ist: Sie alle haben einfach nur Hunger!  Aber es reicht nicht immer für alle Menschen . Auch Wasserflaschen hat es meistens nicht genügend für alle. Und täglich erreichen mehr Flüchtlinge über den gefährlichen  Weg übers Meer die Insel Lesbos und werden ins Camp Moria gebracht.  Alle diese Menschen träumen von einem friedlicheren Leben in Europa und harren aus, Tag für Tag, Nacht für Nacht

Während der  Mahlzeiten-Verteilung begegnen wir Waisenkindern, die unsere Aufmerksamkeit und Zuneigung suchen und uns nicht mehr von der Seite weichen, bis wir unsere Arbeit beendet haben. Manchmal bleibt ein bisschen Zeit, um mit ihnen ein kleines Lied zu singen oder einen Fingervers vorzuzeigen, in der Hoffnung, ihnen ein Lächeln aufs  Gesicht zu zaubern.

Das Küchen-Team von REMAR SOS besteht aus einem grossen Teil Flüchtlingen und Volonteers. Wir alle haben ein gemeinsames Ziel: zu helfen. Und so war auch unsere Zusammenarbeit geprägt: von Herzlichkeit, Kameradschaftlichkeit , Fairness und Frieden…

Zu unserem Abschied haben diese Flüchtlinge aus dem Küchenteam ihr erspartes Geld zusammengelegt um mit uns  einen Krug Kaffee zu teilen. Sie überreichten uns den  Becher, strahlend und stolz…   Diese Menschen, die kaum noch etwas besitzen, teilen mit uns grosszügig, das Wenige, was sie noch haben!

Diesen Moment werden wir nie vegessen.

Wenn wir uns etwas wünschen könnten : dass jeder, der dies liest, sich als Volonteer zur Verfügung stellt und in diesen Camps mithilft. Es braucht jede Hand, jedes mitfühlende Herz und auch jede noch so kleine Spende, um den Flüchtlingen zu helfen.

Es sind Menschen, wie du und ich.

 

Cécile  & Helen                 im Oktober 2016